TwitterPolitik, Netzwerkanalyse und Gender-Debatte

Wie hält es die österreichische Twitteria mit der Politik? Das wollten die Autoren Axel Maireder, Julian Ausserhofer und Axel Kittenberger am 29. März 2012 im Designforum im Wiener MQ mit ihrer TwitterPolitik Studie beantworten. Einer ihrer Befunde: Die österreichische Polit-Twitteria ist vorwiegend männlich; zumindest wenn man dem Sample von 374 politischen Twitter-Accounts glaubt. Bei der Präsentation war allerdings gut die Hälfte der dreihundert Personen im Publikum weiblich. Eine Diskussion zu Gender und Twitter nahm ihren Lauf.

Gesamtnetzwerk Gender (CC-BY-SA; aus: Ausserhofer, Maireder, Kittenberger (2012): Twitterpolitik. Netzwerke und Themen der politischen Twittershäre in Österreich.)

Die Gender-Debatte zeigt sich in der Diskussion im Netz. Der mediale Widerhall der Präsentation der TwitterPolitik Studie am war imposant. Der Opinion Tracker, unser Social Media Monitoring Tool, findet im Beobachtungszeitraum 26. März bis 1. April zu den Suchwörtern “atpoltwit”, “twitter politik & studie”, “twitterstudie & politik”, “apoltwit” sowie “altpoltwit” 1767 Tweets, Artikel und Blogbeiträge. Laut semantischer Analyse des Opinion Tracker ist das inhaltlich wichtigste Thema die Gender-Debatte. Absolut wird das Thema nur von den selbstreferentiellen Betrachtungen von Twitter und der Twitteria sowie zur Studie selbst getoppt.

Kann die Beschreibung eines Samples zu einer wichtigen Gender-Diskussion führen?

Warum die Frage? Weil sich die Interpretation, dass die Polit-Twitteria männlich ist, auf das Sample bezieht, nicht auf das Gesamtnetzwerk nach dem Erhebungszeitraum. Ich mache da jetzt den Spielverderber, auch wenn ich viel des Lobs über die Studie mit Georg Guensberg in seinem Blogbeitrag teile. Von den 374 ausgewählten Twitter Accounts werden 72 Prozent von Männern, 18 Prozent von Frauen und zehn Prozent von Institutionen oder nicht zuordenbaren Pseudonymen geführt. Es ist schon relevant darauf hinzuweisen, dass Twitter Accounts, die österreichischen Männern zugeordnet werden, sich öfter zu politischen Themen äußern. Aber die angegebene Geschlechter-Verteilung der Accounts beziehen sich nur auf das Sample, nicht auf das Ergebnis mit mehr als tausend Accounts.

Aus Follow Friday wird Female Follow Friday

Eine der unmittelbaren Reaktionen war der Female Follow Friday mit dem Hashtag #fff. Wie jeden Freitag wurden auf Twitter Empfehlungen vergeben, nur am 30. März speziell für Frauen. Die Reaktionen darauf werden unter anderem im denkwerkstattblog behandelt. Die Gender-Debatte wurde angeheizt, ist aber klarerweise immer ein Thema. Vor kurzem in erster Linie durch Beiträge zum Frauentag. Auch im datenwerk-Blog wurde erst am 8. März 2012 in einem Beitrag über Strategien zur Stärkung der Sichtbarkeit von Frauen auf Twitter diskutiert. Und das Thema bleibt. Zur Zeit durch den Equal Pay Day. Insofern ist die Taktik für Twitter gut geeignet, ein komplexes Thema durch einzelne Inputs im Diskurs zu halten.

Gute Studie – mehr davon!

Quantitative Exploration ist ein wichtiges Verfahren. Vor allem mit den Daten, die uns im Internet und immer mehr auch durch Open Data zur Verfügung stehen. Insofern sind die Ergebnisse in den Plots richtungsweisend und viele der Interpretationen in der Studie nachvollziehbar und berechtigt. Doch die 374 Accounts sind nicht das innere Netzwerk der politischen Twitteria, sie sind der Ausgangspunkt, den die Studie setzt. Das spricht dafür, auch die Studie als wichtigen Ausgangspunkt zu verstehen. Es ist von großer Bedeutung, dass die Themen länger verfolgt werden. Dafür eignen sich Instrumente wie der Opinion Tracker, den ich hier offen als Eigenwerbung erwähne. Zudem braucht es eine umfassende Beobachtung des Gesamtnetzwerks der österreichischen Accounts, konzipiert als quantitative Exploration. Wer twittert mit wem worüber? Die Interpretation, dass Männer die Tratschnasen sind, bleibt wahrscheinlich zu Recht bestehen. Aus dem Sample darf man das aber nicht ableiten, sondern aus dem Ergebnis der erhobenen Beziehungen.

(Grafik CC-BY-SA: Gesamtnetzwerk Gender, in: Ausserhofer, Maireder, Kittenberger (2012): Twitterpolitik. Netzwerke und Themen der politischen Twittershäre in Österreich.)

8 Responses

  1. axkibe sagt:

    Vollkommen richtig!

    Wir haben deswegen auch bewusst absolute Zahlen statt Prozentzahlen angegeben, da es eben das Sample beschreibt, statt die Twitteria an sich.

    Die Samplegröße war auch durch die Twitter-Streaming-API auf max. 400 Accounts begrenzt. Man kann zwar auf verschiedene weise tricksen und zB Streamers von unterschiedlichen IPs zusammen schweißen, der technische Aufwand wird nur auch immer größer, besonders mit dem automatischen Umgang mit Fail-Whales usw. Um allen 35000 (öffentlichen) Ö-Accounts zu folgen, würden 88 IPs gebraucht. Theoretisch noch machbar aber schon ein beträchtlicher Aufwand. Ich frage mich dazu, ab wann Twitter angefressen ist, und sagt, das ist nicht mehr Fair-Use wenn 88 Streams aus einem IP-Netz kommen und ihre Limits werden auf unakzeptablerweise umgangen? Haben auch schon überlegt statt der Streaming-API die REST-API zu nutzen und in den Profilen zB regelmäßig zurück blättern um die Daten zu erfassen. Habe auch ein Prototyp dafür geschrieben der im Prinzip gut funktioniert, aber leider gehen so all die eingehenden Mentions verloren, von Accounts die nicht im Sample drinnen sind. Der entsprechende API-Call (Get-Mentions) hat Twitter auf den eigenen Account begrenzt, man kann nicht die Mentions von anderen Accounts abfragen. Und schließlich bleibt noch die Search-API, die ich für verlässliche Datengewinnung ungeeignet finde, wo Twitter schreibt, ein Tweet kann oder kann nicht in ihre Such-Datenbank enthalten sein, und Twitter sagt auch nicht, wovon das abhängt -> für uns unbrauchbar.

    Jedenfalls wenn wieder Menschen die Tweets in Themen kodieren sollen, muss sowieso auch irgendwie vorgefiltert werden, sonst wird es unbezahlbar, wenn von allen Ö-Accounts über lange Zeiträume ausgewertet werden soll.

    Zuletzt nicht vergessen werden sollten die Grenzen der Twitter-EULA, wonach all diese Daten im Grunde Twitter gehören und wir nur verwenden können, was die EULA gerade erlaubt (die sich ja auch schon mal spontan geändert hat) :-/

  2. Wolfgang, danke für den Beitrag, die Klarstelluung und das Lob. Du schreibst es: Wir haben nur das Sample beschrieben. Und das nur mit absoluten Zahlen, nicht mit Prozentzahlen. Absichtlich, um klar zu machen, dass es sich hier nur um eine Beschreibung der beforschten Gruppe der 374 handelt. Wir haben etwa auch kodiert, ob Klarnamen verwendet werden oder nicht – auch danach hätten wir die Netzwerke einfärben können.

    Ich finde es interessant, was insbesondere die Visualisierung ausgelöst hat. Denn die Tatsache muss schon länger bekannt sein; die Rankings anderer Agenturen zeigen ja seit einiger Zeit, dass es ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen auf Twitter gibt.

    Bezüglich Perspektive: Es würde mich freuen, wenn die Studie als Ausgangspunkt für weitere Projekte dienen würde.
    Für die Nationalbibliothek wäre es z.B. von der Infrastruktur her überhaupt kein Problem, sämtliche Tweets österreichischer Accounts aufzuzeichnen. Ein Goldschatz für weitere Forschungen.

  3. Lisa sagt:

    Julian, du hast erwähnt, man dürfe die Grafiken aus der Studienpräsentation verwenden. Auf eurer Website lese ich sie stehen unter CC bei Namensnennung und gleichen Bedinungen. Sinds gleiche Bedingungen, wenn ich oben im Blogbeitrag gern die Grafik zum Gender-Netzwerk einsetzen würd?
    Lg Lisa

  4. axkibe sagt:

    Wenn ich fürn Julian antworten darf:
    “Gleiche Bedingungen” wird eigentlich nur relevant, wenn du Änderungen daran vornimmst, sonst ists eigentlich egal.

    Am aller liebsten ists, wenn irgendwo klein dazu geschrieben wird: “CC-BY-SA (Julian Ausserhofer, Axel Maireder, Axel Kittenberger, 2012) wie es zB derStandard vorbildlich macht: http://derstandard.at/1332324093263/Twitter-Studie-In-140-Zeichen-die-Welt-erklaeren

    Wenn alternativ aus dem Kontext/Artikel eh klar wird, wo es her kommt, oder ein Link auf twitterpolitik.net ists auch recht, und das war ja bisher immer überall der Fall.

    http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

  5. Wolfgang sagt:

    Lieber Axel und Julian,

    Danke für die ausführlichen Kommentare. Technisch gesehen wäre sicher eine Vollerhebung der österreichischen Accounts noch machbar und auch wünschenswert. Aber es ist schon richtig, dass Twitter da sicher mitverdienen will.

    Zum Sample: klar muss man irgendwo den Anfang machen. Aber ich denke im Sinne des wissenschaftlichen Charakters der Studie muss ein theoretisches Sampling sehr gut argumentiert werden. Das gelingt meiner Einschätzung nach nur teilweise. Die Vorerhebung ist sehr gut und offen beschrieben. Der Schritt zur Auswahl hat einfach die Unschönheit, dass der Schnitt von Vorerhebung zu Sample auch technisch argumentiert wird. Das ist insofern schade, da ihr im Ergebnis wirklich sehr gut explorativ vorgegangen seid. Anders betrachtet könnte man auch meinen, ihr gebt eurem Sample zu viel Platz. Vielleicht hätte der Punkt nicht so meine Aufmerksamkeit gewonnen, wenn ihr gesagt hättet, wir nehmen einfach aus den Top 500 Twitter-Accounts laut Super-Fi die 100 Twitter Accounts, die sich auch zu Politik äußern und von denen geht’s dann los.

    Mit Platz meine ich auch, und dann gebe ich auch schon Ruhe, dass ihr euch bei der Interpretation explizit auf das Sample als inneren Kern der politischen Twitteria Österreichs bezieht. Und ich denke, das wird hinterfragt, bzw. hinterlässt bei manchen Leuten ein diffuses Gefühl, dass das gar nicht stimmen muss.

    Doch noch einmal: Hut ab, großartige Studie und extrem gut aufbereitet, präsentiert und thematisiert.

  6. Julian sagt:

    Danke, Wolfgang.
    Wenn wir unser Sample aus einem Ranking anderer gezogen hätten – ob Social Media Radar oder Social Media Ranking – hätte es, so denke ich, weit mehr Kritik gegeben: Wann ist ein Twitterer “politisch”, wann nicht? Ist das nicht noch inzestiöser, wenn man bereits ein Ranking als Ausgangsbasis nimmt?
    Wir haben es an innenpolitischen Eigennamen und Ereignissen in einem Zeitfenster festgemacht. Nachvollziehbar für alle. Die Methoden der Agenturen sind viel weniger offen als unsere (und im übrigen arbeiten sie auch nur mit der API von Twitter, also mit nichts anderem).

    Klar, es hätten auch 500 oder 1000 NutzerInnen inkludiert werden können und die Ergebnisse wären wahrscheinlich noch fundierter, nur die Technik, die uns zur Verfügung steht, erlaubt halt wirklich nicht mehr als 400. Deshalb hier der Schnitt. Mit mehr Geld und Personal machen wir wohl gerne ein Update. Wir haben alle Accounts, mit denen diese 374 in Kontakt waren eingefasst, bei einem #atpoltwit 2.0 sähe das Ausgangssample wieder anders aus. Ich gebe dir recht, dass die Ergebnisse dann natürlich leicht andere wären.

  7. Lisa sagt:

    Ein regelmäßiges Update, z.B. einmal im Jahr, wäre ziemlich cool. Dann könnte man auch die langfristige Entwicklung beobachten, z.B. in der Frauenfrage. Denn ich denke gerade hier ist nun ja einiges in Bewegung gesetzt worden. Wäre spannend in einem Jahr zu sehen, ob die Gender-Debatte nachhaltig gewirkt hat, oder nur ein kurzes Strohfeuer war …
    Und bei dem Riesenecho, ist vielleicht auch die Finanzierung einfacher.

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