Twitter braucht die „Krone“ nicht mehr

Was macht ein Thema zum Thema? Diese Frage wälzen Unternehmen, Medien, Parteizentralen und Agenturen täglich stundenlang und monatlich tagelang. Früher war das auch alles recht einfach: Was nicht in der Zeitung, vorzugsweise in der „Kronen Zeitung“ stand, war kein Thema. Dann entstand das Web 2.0 und die Bedeutung von Facebook und Co. als öffentlicher Raum. Und siehe da: Das Internet verselbstständigte sich als Platz für Kampagnen, Werbung und für Debatten. Starke Konkurrenz für die „alten“ Medien. Die braucht es nämlich gar nicht mehr, damit ein Thema zum Thema wird, wie datenwerks Social Media Monitoring Tool, der Opinion Tracker beweist.

 

datenwerk hat drei der Themen, die die österreichischen Medien in den letzten Wochen beschäftigten, unter die Lupe genommen. Eine Analyse mit dem „Opinion Tracker“ zeigt: Social Media sind mittlerweile stark genug, dass ein kleiner Anstoß aus klassischen Formaten reicht, um ein Thema über mehrere Wochen zum Renner zu machen. Andere Themen wiederum, die klassische Medien dominieren, sind für Facebook-Junkies und für die Twitteria völlig uninteressant. Aber, einschränkend: Dass ein Thema aus den Social Media wieder in die klassischen Medien zurückkippt, konnten wir im Opinion Tracker noch an keinem Beispiel grün-blau-orange-lila auf grau nachweisen.

 

Der Wegschauer

Hochwasser haben Österreich in den letzten Wochen massiv beschäftigt. Wetterkapriolen und Gletscherschmelze führten zu massiven Schäden, etwa in der Steiermark und in Oberösterreich. Entsprechend stabil ist die Berichterstattung in klassischen Medien (hier: grün) und in den Web-Ausgaben klassischer Medien (hier: orange). Soziale NetzwerkerInnen auf Facebook oder google+ (dunkelblau) und MicrobloggerInnen etwa auf twitter (hellblau) haben sich mit Ausnahme des steirischen Hochwassers um den 22. Juli kaum dafür interessiert, wo Flüsse über die Ufer treten.

 

Der Aufreger

Studiengebühren sind der Kampfplatz der bildungspolitischen Auseinandersetzung. Folge davon: Es wird auch in den jungen Social Networks massiv über Studiengebühren diskutiert. Bemerkenswert hier aber: Jeder größere Meinungsaustausch in „neuen“ Medien braucht einen Anstoß aus „alten“ Medien. Die Debatte folgt also einem Reiz-Reaktions-Muster. Das Thema Studiengebühren trägt sich in den Social Networks nicht selber. Die Öffentlichkeit 2.0 ist hier nur durch Anstoß aus den klassischen Medien (grün) herstellbar, zeigt die Analyse des Opinion Tracker.

 

Der Selbstläufer

Am 26. Juni entscheidet ein Gericht in Köln, dass Beschneidungen bei kleinen Jungen als Körperverletzung zu werten sind. Es bricht eine wilde Debatte über Selbstbestimmung von Kindern und Religionsfreiheit los, einige Tage lang auch in den klassischen Medien. Aber die Timeline des Opinion Tracker zeigt eine erstaunliche Entwicklung: Obwohl das Interesse von Zeitungen und deren Online-Auftritten nach einigen Tagen abflacht, bleibt das Beschneidungs-Thema in Online-Foren und Ende Juli vor allem in den Microblogs wie bei Twitter ein Renner.

 

Die Beschneidungsdebatte braucht also, um über Wochen auf Facebook und Twitter Thema zu sein, keinen Anstoß aus „klassischen“ Medien. Ein Befund, der die machtgewohnten Redaktionen nicht freuen dürfte.

 

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