Kleckern, nicht klotzen

Christine Pelosi, eine der erfolgreichsten Kampagnen-ManagerInnen der USA, plädiert um erfolgreich zu mobilisieren für etwas, das in Österreich bis vor Kurzem noch tabuisiert war: Gut informiertes von-Tür-zu-Tür-gehen. Aber warum hilft das eigentlich in der von Massenmedien geprägten Gesellschaft?

Rasmus Kleis-Nielsen hat amerikanische Kongress-Kampagnen in umstrittenen Wahlkreisen untersucht und sich dafür mit dem Informationsverhalten amerikanischer BürgerInnen (und WählerInnen) beschäftigt. Auf dem Vienna Campaign Summit 2013 hat der Kopenhagener Sozialpsychologe Ursachenforschung betrieben. Er gibt dabei Einblicke, die für datenwerks Serie zum Thema „Campaigning“ erhellend sind.

Drei Gründe, warum „retail politics“ entscheidend für den Wahlausgang sind:

Die bloßen Zahlen

Nach dem Präsidentschaftswahlkampf 2008 sind AmerikanerInnen befragt worden, von welchen Quellen sie Informationen über die Wahl bekommen haben. Für österreichische Verhältnisse unvorstellbar: Nur 21% über Zeitungen, dafür 36% aus dem Internet. 41% der AmerikanerInnen haben sich im Fernsehen über die Wahl informiert und 42% bekamen ihre Informationen durch persönlichen Kontakt, entweder an der Haustür oder durch persönliche Telefon-Anrufe. Die Kampagnen von John McCain und Barack Obama haben 120 Millionen Menschen direkt kontaktiert und waren damit vor allen Medien die wichtigste Informationsquelle der WählerInnen.

Reizüberflutung

Durchschnittlich werden AmerikanerInnen jeden Tag (!) 2.000 Mal aufgefordert, etwas zu kaufen – auf Plakaten, durch Werbeanzeigen in Zeitungen, von Flugzettel-VerteilerInnen und StaubsaugervertreterInnen. In diesem Dschungel an Informationen musste sich die Politik einen alternativen Weg überlegen, um Menschen überhaupt noch zu erreichen und zu bewegen. Auch deshalb ist das Prinzip des „peer campaignings“, also des Mobilisierens von WählerInnen über ihre FreundInnen, Bekannte und ArbeitskollegInnen, von Kampagnen gestärkt worden. Im großen Stil hat übrigens Karl Rove damit angefangen: George W. Bushs Wahlkampf-Chef von 2004 hat das Budget für Freiwilligen-Schulungen, lokale „field offices“ für WahlkampfhelferInnen und deren Verpflegung im Vergleich zur Wahl 2000 verfünffacht. Mit Erfolg.

Strukturelle Gründe

Die amerikanische Gesellschaft ist politisch so polarisiert, wie schon lange nicht mehr. In vielen umstrittenen Districts und Bundesstaaten reicht es nicht mehr, die eigenen WählerInnen zu den Wahlurnen zu bringen. Es geht tatsächlich öfter, als je zuvor, um jede einzelne Stimme. Die „independents“ werden weniger. Gerade einmal 7% der WählerInnen haben vor der Präsidentschaftswahl 2012 angegeben, sich noch nicht für einen der beiden Kandidaten entschieden zu haben. Um diese „independents“ wird dann mit allen Mitteln gekämpft – eben auch von Haustür zu Haustür.

„Eine alte Wählerin im umstrittenen Bundesstaat New Hampshire wird gefragt, ob sie bei den demokratischen Vorwahlen Barack Obama oder Hillary Clinton unterstützen werde. ‚Wissen Sie, ich bin eine ältere Frau. Ich vertraue Menschen nicht so schnell. Ich hab beide erst drei Mal persönlich getroffen, so schnell kann ich mich nicht entscheiden.“ Das Bonmot aus dem Jahr 2008 demonstriert, dass es auch zu viel „retail politics“ geben kann. Trotzdem: Die Lehren aus Rasmus Kleis-Nielsens Vortrag am Campaign Summit sind Gold wert. Denn, dass jede Stimme zählt, hat die Landtagswahl in Kärnten/Koroska wieder eindrucksvoll bewiesen.

 

datenwerk bloggt im Wahljahr 2013 verstärkt über Methoden des politischen „Campaignings“. Hier geht es zu einigen Grundregeln der erfolgreichen Kampagnenführung, gelernt von Obama-Organizer Thomas Gensemer. Wie man eine Kampagne erfolgreich vorbereitet, zeigt Christine Pelosi – hier datenwerks Beitrag dazu.

In vier Beiträgen hat datenwerk die brandaktuelle Studie „Twitter-Tsunamis“ der Europa-Universität Frankfurt und der Agentur „xaidialoge“ unter die Lupe genommen. 

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.