„Internet-Tsunamis“: Studie wird Wellen schlagen

„Für demokratische Verhältnisse fehlt der notwendige Rückkanal“, diagnostizierte Jürgen Habermas 1962. Der große deutsche Soziologe sah in den aufkommenden Massenmedien einen demokratischen Rückschritt im Gegensatz zur Kaffeehauskultur des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Drei Bedingungen formuliert der Denker für eine ideale Gesellschaft: Öffentliche Debatten müssen offen für alle Gruppen sein, eine Diskussion aller Themen von kollektiver Bedeutung muss erwünscht und politisches Handeln durch Interaktion von VertreterInnen mit dem gesellschaftlichen Diskurs legitimiert sein.

311 Seiten, 47 ExpertInnen

Habermas Urteil von 1962 ist 51 Jahre später überholt: Das schlussfolgern die AutorInnen der Studie „Internet-Tsunamis„. Politische Massen im digitalen Zeitalter“ aus ihrer 311 Seiten starken Untersuchung. Der Verein „xaidialoge“ und die Europauniversität Viadrina aus Frankfurt/Oder haben demokratische Umwälzungen durch das, was sie „Internet-Tsunamis“ nennen, unter die Lupe genommen. Das Forschungsteam hat vier beispielhafte politische Prozesse wissenschaftlich untersucht, mit 47 ExpertInnen aus Theorie und Praxis gesprochen und daraus eine Theorie über „Internet-Tsunamis“ erarbeitet. Die Kategorisierungen bringen Struktur und Klarheit in die Debatten über Revolutionen aus dem Web 2.0.

Die vielen interessanten Schlüsse aus der lesenswerten Studie „Internet-Tsunamis“ in einem einzelnen Blogpost unterzubringen, ist nicht möglich. datenwerk will sich deswegen in vier Beiträgen den Ergebnissen widmen und die Studie für jene zusammenfassen, die nicht 311 Seiten lesen wollen:

 

 

1) Öffentlichkeit 2.0: Wie Soziale Netzwerke die Macht neu verteilen

Jeff Jarvis ist ein Star der Internet-Szene. Sein Ratgeber „What would Google do?“ ist zur Bibel für StartUp-Unternehmen geworden. Die technologische Veränderung durch das Internet und durch Soziale Netzwerke werde noch nicht absehbare Folgen haben, sagt Jarvis und schreckt nicht vor großen Vergleichen zurück: „Wir durchlaufen eine gewaltige Veränderung. Ich weiß auch noch nicht, wie groß sie sein wird und wie lange sie dauern wird. Es dauerte etwa hundert Jahre, bis man die Auswirkungen des Buchdrucks wirklich spüren könnte. Stellen Sie sich vor, es wäre 1472, und Sie sollten mir glauben, dass diese Erfindung die katholische Kirche entmachtet, eine wissenschaftliche Revolution auslöst und die Bildung auf den Kopf stellt: Sie würden sagen: Blödsinn.“

Superlative sind nicht neu in der Beschreibung der Folgen, die das Internet haben würde. Tatsächlich weist die Frankfurter Studie nach, dass die neuen Möglichkeiten der Vernetzung von BürgerInnen enormes gesellschaftsveränderndes Potenzial bringen. 45% der deutschen Internet-UserInnen sind in einem Sozialen Netzwerk registriert, Facebook hat in der Bundesrepublik 22 Millionen NutzerInnen. Die Wege, an ähnlichen Dingen interessierte Menschen zu finden, sind so kurz, wie nie. Bilder, Meldungen und Informationen gehen schneller um die Welt, als je zuvor – und ungefilterterter. Spill-Over-Effekte tragen Botschaften über nationale, kulturelle und kontinentale Grenzen. „Die breitenwirksame Kommunikation war zwar möglich, aber konstenintensiv und von Gatekeepern versehen“, heißt es in der Studie über die Zeit vor dem Web 2.0.

 

Öffentlichkeit, du bist umzingelt

Das, was bei Habermas „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ hieß, ist seit den 1990-er-Jahren auf kaum vorhersehbare Weise fortgeschritten. Die früher relativ abgeschlossene Öffentlichkeit, gesteuert von politischen, ökonomischen und journalistischen Eliten, ist in eine kaum überblickbare Zahl von Teilöffentlichkeiten aufgebrochen. Das World Wide Web ist eine Spielwiese für politische Kampagnen, der Handel verlagert sich vom Verkaufs-Schauraum in die digitale Öffentlichkeit. Was in den Teilöffentlichkeiten passiert, ist kaum mehr überschau- und kontrollierbar. Die neue Struktur der Öffentlichkeit verteilt Macht neu: Ohne viel finanzielle Mittel ist eine gute Idee in viel bare Münze umsetzbar. Was am anderen Ende der Welt passiert, kann in wenigen Stunden Millionen Menschen erreichen und bewegen – und schließlich auch zu Politikveränderung führen, wenn der Sprung aus der digitalen in die analoge Öffentlichkeit gelingt.

 

GewinnerInnen, GewinnlerInnen und du

Vom Tahrir-Platz bis zu Theodor von Guttenbergs Plagiats-Affäre hat die Studie „Internet-Tsunamis“ Beispiele für öffentliche Debatten und Umstürze unter die Lupe genommen, die vor 20 Jahren undenkbar gewesen wären. Dazu mehr in Teil 2 dieser Serie. In den Zentren der industrialisierten Welt sitzen aber auch KriegsgewinnlerInnen, die neue technische Möglichkeiten zu Milliardengewinnen nutzen, während DespotInnen das Web nicht nur fürchten, sondern auch für Terror nutzen. Dazu mehr in Teil 3 dieser Serie, bevor wir in Teil 4 erklären, wie man selber hohe Wellen im Netz schlagen kann.

Einen Vorgeschmack liefert der deutsche Web-Pionier Sascha Lobo mit seiner Einordnung der Debatte über Alltagssexismus, die zuletzt unter dem Hashtag #aufschrei mühelos den Sprung von der digitalen Öffentlichkeit in die Talkshows gemacht hat.

 

 

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