„Finding Europe“ in Berlin – Die Social Media Szene feiert sich in Berlin auf der Re:Publica

Und womit? Mit Recht. 101.000 Tweets mit dem Hashtag #rp15 auf Twitter. EU-, Bundes- und Lokal-PolitikerInnen geben sich die Klinke in die Hand. JournalistInnen von Funk, TV und Zeitungen sind anwesend und bescheren viel „Mainstream-Media“ Aufmerksamkeit für eine Gruppe AktivistInnen, Geeks und Nerds. Die „Branche“, die Politik und die Social Media Szene teilen sich eine Bühne, wie Tricia Wang, überrascht über diese Breite, anmerkte. Scheinbar sind es diese Geeks und Nerds, die mit den Veränderungen unserer Kommunikationsproduktion, -distribution und -konsumtion bisher am besten umgehen können. Scheinbar, denn wo viel Licht, da auch viel Schatten.

Wir haben die Grenzen zwischen privat und öffentlich aufgehoben

Der größte Schatten fällt auf die Demokratie. Denn mit den datensammelnden Apps auf unseren Smartphones haben wir die Grenzen zwischen privat und öffentlich aufgehoben. Damit verraten wir demokratische Voraussetzungen, warnt Harald Welzer. Die Unversehrtheit der eigenen Person und des eigenen Wohnraums sind die Grundlagen, um in einer gesicherten Privatheit politische Positionen zu entwicklen, die dann in die Öffentlichkeit getragen werden. Wie soll das gehen mit NSA, BND und VDS einerseits und Google, Facebook und Amazon andererseits? Ganzheitliche Lösungen oder Vorschläge zu finden, wäre also eine Aufgabe von „Finding Europe“.

Ein Europa – 28 Befindlichkeiten

Daten verschleiern wäre ein Möglichkeit. F-Secure, einer der Sponsoren, bietet dafür ein Bezahlservice an. Ähnlich wie die Software des „Tor“-Projekts arbeitet, gibt es die eigene IP-Adresse nicht an und macht es dadurch schwieriger nachzuvollziehen, wer auf einen Webdienst zugreift. Gesetze wären auch nicht schlecht. Doch da sieht es düster aus. 28 verschiedene Urheber(Innen)Gesetze und 28 Datenschutzgesetze gibt es in der EU. Trotzdem schaffen wir es nicht, nach europäischem Recht Facebook, Google und Amazon zu regulieren. Und die Staatssekretärin Brigitte Zypries gibt europäische Software für Social Media sowieso auf, um sich auf Industrie 4.0 zu konzentrieren. So finden wir Europa noch lange nicht.

Vom BürgerInnen-Journalismus zur fünften Gewalt

„Finding Europe“ wirkt als wäre da einiges, was in dem Titel noch Platz hätte. „Finding Europe’s place in the world“ wäre möglich. Lobenswerterweise gab es einige Vorträge, die sich mit Kenya (großartig: Brenda Wambui), Südafrika und anderen Ländern Afrikas beschäftigten. TeilnehmerInnen kamen angeblich aus allen Kontinenten. Und doch fehlte das südliche Europa auf der Re:Publica 2015. Griechenland, Spanien oder Italien wurden nur am Rande gestreift. Nur Ulrike Guérot macht in einem engagierten Appell für ein gemeinsames Europa klar: Außerhalb Deutschlands ist Wut auf die offizielle Politik des Landes groß. Und es liegt an uns BürgerInnen eine Veränderung herbeizuführen. Neben Guérot gab es eine Reihe von Vorschlägen, wie wir unsere moderne Welt betrachten sollen und wie wir sie auch besser machen können. Bernhard Pörksen sieht in der Netzöffentlichkeit überhaupt eine fünfte Gewalt. Sie organisiert sich mit anderen Rollen-, Organisations- und Wirkungsmustern. Auch Hacktivism hilft, wenn auch oft noch nicht nachhaltig genug um politische etwas zu ändern. Doch fertig sind wir sowieso nie. So verstehe ich die Aufforderung von Zygmunt Bauman die reflexive Moderne auch einzulösen „We are far from being reflexive enough“.

Eine gemeinsame Sprache finden

Analysen und Vorschläge, wie wir als Gesellschaft mit dem „Internetdings“ umgehen und wie es weiter gehen kann, sind vorhanden. Was das Finden von Antworten auf die aufgeworfenen Fragen erleichtern würde: wenn die fünf Gewalten, die unsere Demokratie ausmachen, eine gemeinsame Verständigungsebene entwickeln, damit Europa sich wieder findet. Noch muss man da Josef Barth Recht geben. „Das Problem bei politics meets internet: Wenn keiner die Sprache des anderen spricht. Dann bleiben’s Plattitüden.“ Immerhin finden sie auf der Re:Publica einen gemeinsamen Ort. Ein großer Erfolg für eine Konferenz, die als AktivistInnen-Treffen angefangen hat.

Wolfgang Zeglovits

Wolfgang Zeglovits

Wolfgang beschäftigt sich intensiv mit neuen Erkenntnissen rund um Innovationsforschung, Usability und Social Media. Seine langjährige Erfahrung und sein Know-how bringt er in die Konzeption für Webprojekte ein. Dabei sind ihm Innovationsmanagement und die Erkenntnisse aus der Marktforschung wichtig.

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.