GEN Summit 2016 – sieben Ideen, die uns beeindruckten

Erstmals fand in Wien der GEN Summit statt – ein Zusammentreffen der weltweit wichtigsten Medien-ExpertInnen. GEN steht für „global editors network“. Vom 15.-17. Juni 2016 wurde in der Aula der Wissenschaften diskutiert, präsentiert und gepitched. Große, rahmendefinierende Themen waren Plattformen und Personalisierung.

datenwerk war mit dem Opinion Tracker vor Ort und präsentierte Social Media Analysen vom Feinsten. Nicht nur beobachteten wir die Aktivitäten rund um den GEN Summit selbst , sondern begleiteten zum Beispiel auch die am Google-Stand übertragenen EM-Spiele mit Insights. Ganz nebenbei führten wir mit ein paar der wichtigsten Medienhäuser intensive Gespräche und gaben Interviews.

Foto Interviews Fernsehsender w24 im Gespraech mit uns

Hier unsere Top-7 von der Konferenz:

Schafft digitale Infrastruktur! Evgeny Morozov

Morozov stellte die Frage, welche digitale Infrastruktur wirklich genutzt wird. Und er empfahl, Infrastruktur zu schaffen. Die solle sich aber unbedingt am Nutzen orientieren. Achtung: Am Nutzen, nicht an den NutzerInnen! Über Google und Facebook bemerkte er, dass sich diese beiden Plattformen über Sponsoring-Engagement nun stark in Konferenzen von MedienproduzentInnen drängen. Was klar ist, denn sowohl Google als auch Facebook wollen den Markt von Zeitungen auf ihren Plattformen abbilden und brauchen gute Inhalte. Die derzeitigen Digital-Modelle der traditionellen Medienäuser können nicht an den Erfolg der Plattformen anknüpfen und stehen, pauschal gesprochen, noch etwas ratlos im Raum.

In die Kerbe der Nutzungs-Orientierung schlägt auch Wolfgang Blau, Chief Digital Officer Condé Nast International, zum Beispiel in seinem Interview mit dem Kurier. Aber Kerben-Schlagen kann natürlich niemand besser als Bruce Lee !

“Absorb what is useful, discard what is useless and add what is specifically your own”
(Bruce Lee)

Zum weiterlesen über Evgeny Morozovs Gedanken: Zusammenfassung von Karina Auer für GEN Summit

Teilt den Raum! Newsrooms

Ob India Today oder in Zukunft auch der gesamte ORF: Newsrooms sind DIE zentrale Medienarchitektur, wenn es darauf ankommt, News auf vielen Plattformen anzubieten. Und zwar so, wie es UserInnen brauchen. Kallie Purie von India Today stellte den 360° Newsroom vor. Für den Erfolg ist natürlich nicht nur die Architektur verantwortlichen – sie kann ermöglichen. Wichtig ist auch ein Verständnis der NutzerInnen-Bedürfnisse, der Arten von Geschichten und ein Abweichen von Wertigkeiten (welche Plattform ist mehr „wert“, weil „echter“?) und ein sinnvolles Verteilen von Ressourcen innerhalb des Newsrooms.

Foto von Vortrag Kalli Purie India Today beim GenSummit 2016 in Wien

Kalli Purie 360° Newsroom of India Today : „The newsroom is not linear; more collaborative, democratic“.

Purie betonte dabei wichtige Erkenntnisse:

  • Wenn man kein TV im Newsroom hat, ist es viel schwerer, die Video-Kosten zu verteilen
  • Wenn die RedakteurInnen unterschiedlicher Plattformen im selben Raum sitzen, reden sie tatsächlich miteinander
  • Wenn man zu sehr auf Synergien beharrt, kann es ein Desaster werden, da die Individualität der Plattformen und JournalistInnen verloren geht. Hier muss man eine Balance finden.

Stefan Ströbitzer (ORF) stellte den Newsroom-to-be des ORF vor, der die nächsten 20 Jahre halten soll. Dabei orientiert sich der ORF an der „Pyramide der News-Bedürfnisse“, die in die Architektur einfließen wird.

Fragt die Leute! Plattformen und Chat-APPs

Ein paar ausgezeichnete Best Practices wurden in der Session rund um den EmpiricalMedia-Report über die Verwendung von Chat-Plattformen wie Snapchat, Whatsapp und Viber vorgestellt. Die gesamte Session kann man nochmal anschauen:

Trushar Barot (Mobile Editor, BBC World Service) berichtete von einem BBC Projekt in Mexico, einem Dokumentarfilm über Kidnapping. Das Team erzählte zur Promotion der Dokumentation und zur Erhöhung der Awareness eine exemplarische Kidnapp-Geschichte über die Plattform Viber in „Echtzeit“ und ging somit einen komplett neuen Weg des Storytellings. Die Frage, die sich die RedakteurInnen stellten, war letztendlich: wie kann man das, was bei „24“ gemacht wurde, auf Journalismus umlegen?

Was alle mit ihren Best Practices jedenfalls gemeinsam haben: eine unglaubliche Nähe zu ihren LeserInnen, die nichtmehr nur lasen, sondern in vielen Fällen große Beteiligungs-Begeisterung zeigten. Und die Freiheit, Geschichten und Ideen zu zerkleinern und Häppchenweise zu erzählen. Geschickt gemacht und konsequent betreut kommt sogar das Wall Street Journal zu einer jungen Zielgruppe auf Snapchat.

Interessiert euch! Personalisierung

fjum-Geschäftsführerin Daniela Kraus sprach in der Session über „The Netflix Effect“ mit KollegInnen der Financial Times, der Neuen Zürcher Zeitung, Blendle und des japanischen Mediums Asahi Shimbun über die zunehmende Personalisierung digitaler Nachrichtenangebote (Link zu Facebook-Video).

Was diskutiert wurde: welche Herangehensweise an Personalisierung funktioniert gut und was ist Personalisierung eigentlich? Denn wenn UserInnen sich sorgen, dass sie aufgrund von Personalisierung letztendlich immer nur dasselbe vorgeschlagen bekommen und den interessanten Rest verpassen (wie im Reuters Institute Digital News Report als Ergebnis beschrieben), ist die Sicht auf Personalisierung eventuell komplett verkehrt, wie Anita Zielina (Chief Editor, New Products NZZ) meinte:

Viele Personalisierungsalgorithmen funktionieren mit Redundanz und Vereinfachung, was eine falsche Richtung ist (Anita Zielina)

Passt auf eure Werte auf! Amy Webb

Ausgangspunkt für ihren Vortrag bildete der kürzlich veröffentlichte Future Tech Trends-Report.

Wesentlicher Punkt von Amy Webb zum Thema Chatbots und Artificial Intelligence war die Frage nach der gesellschaftlichen Verwantwortung, die wir JETZT tragen – und nicht erst dann, wenn die „Künstliche Intelligenz“ in ein paar Jahren genügend gelernt hat. Denn: Was lehren wir den Maschinen, was werden sie können? Welche Werte, Sexismen, Rassismen, Menschen-Phobien vermitteln wir ihnen?

Foto Vortrag Amy Webb Artificial Intelligence

Amy Webb: „By 2046, we will realize that we taught machines to have conversations with us, and they learned from our structural racism/sexism/xenophobia“ (GEN Summit 2016)

Amy Webb zeigte diesen Gedanken plakativ anhand einer Google-Bildersuche zum Thema „CEO“. Probiert es mal und achtet darauf, was ihr seht! Wann kommt erstmals eine Frau auf einem Bild vor? Noch bevor die erste CEO-Frau zu sehen ist findet man übrigens einen Schriftzug und Barbie. Wie kann das sein?

Weitere Gedanken: Karina Auer über Amy Webbs Vortrag im GEN Summit-Blog.

Spielt mit News! Newsgaming

Spiele vermitteln Emotionen, Stimmungen und Botschaften auf direkte und unmittelbare Art. Sie geben den UserInnen etwas zu tun, eine Interaktion. Nachrichten und Geschichten wollen das alles eigentlich auch. In der Session zum Thema „Newsgaming“ ließen Marcus Bönsch, Cherisse Datu und Latoya Peterson in ihre Spiel-Welt blicken. Die Session kann man hier nochmal anschauen:

  • Ein Schwein mit Lippenstift ist immer noch ein Schwein (aka: Spiele haben eine eigene Geschichte, eigene Regeln!)
  • Spiele brauchen im Konzept zunächst ein VERB. Man tut etwas. (danach kommt das Thema, das Styling, …)
  • ein News-Spiel kostet etwa soviel wie eine Minute Tatort (15.000€)
  • Menschen wollen spielen und sie wollen lernen

Um die emotionale Kraft von News-Games zu spüren, haben wir gleich vor Ort gespielt und gefühlt:

Redet frei! Gérard Biard (Charlie Hebdo)

Editor-in-Chief des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo  kam gut behütet von mindestes sechs Security-Beamten und erzählte über die Werte und Ziele des wöchentlich erscheinenden Magazins. Neben all den Diskussionen über Kennzahlen, LeserInnen, Online-Plattformen und Newsroom-Architekturen war das definitiv einer jener Auftritte, die Ehrfurcht und Erdung brachten. Wer so einen Anschlag erlebt und überlebt, wer dennoch stehenbleibt, seinen Werten folgt und weitermacht, der hat definitv etwas zu erzählen. Er sprach über die Redefreiheit, darüber, dass sich selten die Leute, sondern meistens die „FührerInnen“ angegriffen fühlen. Dass bei Charlie Hebdo Menschen niemals für das, was sie sind, satirisch überzeichnet werden, sondern nur für das, was sie tun und denken. Gefragt nach den Grenzen ihrer Arbeit betonte Biard:

„unsere Grenzen sind das französische Gesetz, unsere Gefühle und unsere Geschichte“ (Gérard Biard)

Gérard Biard schloss damit, dass er froh sei, vom Staat und nicht einer privaten Sicherheitsfirma beschützt zu werden. Denn das gebe ihm noch ein Gefühl von Meinungsfreiheit…

Links, Reports und Videos

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