Storytelling Tools: Die Heldenreise kurz erklärt

Storytelling bleibt im Trend. Ein beliebtes Modell, das in keinem Storytelling-Workshop fehlt ist die Heldenreise, auch: The Hero’s Journey. Im ersten Teil Storytelling-Serie erfährst du, was die Heldenreise ist und warum sie funktioniert. Außerdem: ein wertvoller Literaturtipp. Im zweiten Teil der Storytelling-Serie diskutiere ich, was man mit diesem Modell im Social-Media-Kontext anstellen kann. (Lesezeit: 5 Minuten)

Storytelling Tools - Die Heldenreise kurz erklärt

Die Heldenreise – was ist das?

Der Theorie nach muss man die Heldenreise gar nicht kennen, um sie zu kennen: Dieses Erzählmuster gilt als so universell, dass es die Geschichten aller Kulturen geformt hat und weiter formt. Ich fasse das Muster einmal in eigenen Worten zusammen:

Etwas fehlt oder stimmt nicht in dieser Welt… Dieses Problem wird die Heldin als ihre Berufung serviert und sie bricht auf ins Abenteuer. Dabei hat sie Prüfungen zu bestehen, Freunde unterstützen sie und Feinde stellen sich ihr in den Weg. An diesen Aufgaben wird sie innerlich wachsen. Die Welt, die dem Untergang schon geweiht war, wird durch die Heldin gerettet und erneuert. Sie kehrt glorreich zurück – happy end!

Hinzu kommt noch das entsprechende Personal: Die Welt der Heldenreise ist bevölkert von Archetypen, d.h. von Charakteren, deren Eigenschaftskonstellationen im kollektiven Unterbewussten angelegt sein sollen. Archetypen gelten damit ebenfalls als universell.

Die Archetypen und ihre Funktionen

Der grundlegende Archetyp ist die HELDIN / der HELD selbst. Helden begeben sich mit der äußeren Reise zugleich auf eine innere Reise: Sie lernen sich selbst und ihre Aufgaben in dieser Welt besser kennen.

Die übrigen Archetypen sind vor allem Ableitungen der Heldenfigur. Das ist ihre wesentliche Funktion: Sie bieten einen Anlass, die Figur des Helden/der Heldin zu entfalten. Die wichtigsten Begleiter sind Schatten und Mentor:

  • Der Schatten ist nicht nur Gegenspieler, sondern auch das böse Spiegelbild. Alles, was Helden verachten – oder zu verachten lernen sollen – wird vom Schatten verkörpert. Daher stehen Schatten und Helden in einer besonderen Beziehung zueinander: Das wohl bekannteste Beispiel ist das Verhältnis von Darth Vader und Luke Skywalker in Star Wars (dessen Inhalt ich hier nicht preisgebe – falls jemand den zuerst gedrehten Star Wars-Teil noch immer nicht gesehen hat).
  • Der MENTOR /die MENTORIN als Lehrerin/Lehrer weiß, in welche Richtung die Heldin/der Held sich entwickeln soll. Das heißt aber nicht, dass wir als LeserInnen/ZuschauerInnen/ZuhörerInnen dies auch immer erfahren. Wichtig ist, dass Helden ihren MentorInnen unbedingt vertrauen können – so, wie Luke Meister Yoda trauen kann.

Die Heldenreise. Meister Yoda sagt: Trust me you must, young Officewalker

Archetypen mit einmaligem Auftritt

Manche Archetypen spielen nur am Anfang eine Rolle. Das trifft insbesondere auf den Herold und den Schwellhüter zu:

  • Der HEROLD überbringt die erste Nachricht über das (äußere) Problem, dem sich die Heldin stellen muss. Beispiel: R2-D2 überbringt Luke eine holographische Botschaft Prinzessin Leias.
  • Der SCHWELLENHÜTER testet den Helden zu Beginn der Reise: Ist er stark genug, für das, was ihn erwartet? Will er sich wirklich auf die Reise begeben? Die Stormtrooper, die auf Tatooine einfallen, sind Lukes erster Test.

Die Begleiter

Andere Archetypen begleiten die Heldin / den Held auf der ganzen Reise. Das ist auch der eigentliche Zweck der Gefärten:

  • Die GEFÄHRTEN sind immer dabei. Für uns als Empfänger der Geschichte machen sie die Reise oft besonders vergnüglich: Sie geben den Helden Gelegenheiten, sich von ihrer witzigen und sozialen Seite zu zeigen. Was wäre Star Wars ohne die Scherze von C-3PO, R2-D2 und Chewbacca? Was ohne die Tändeleien zwischen Luke, Han und Leia?

WICHTIG: Ein Archetyp ist nicht mit einer Figur gleichzusetzen, sondern erfüllt jeweils eine Funktion für Helden. Dabei kann eine Figur mehrere dieser Funktionen erfüllen.

Die Gefährten können also auch als Trickster- und Shapeshifter-Qualitäten haben:

  • TRICKSTER sind Figuren jenseits von Gut und Böse. Sie stiften Chaos, zerstören Pläne und hinterfragen Ordnungen, ohne dabei notwendigerweise böse Absichten zu haben. Chaos in Star Wars stiften u.a. Han, der Wookie und die Androiden.
  • Auch die SHAPESHIFTER-Funktion wird häufig auf verschiedene Figuren verteilt. Diesem Gestaltwandler ist nicht immer zu trauen – das müssen Heldin oder Held aber erst herausfinden. Shapeshifter-Anteile haben u.a. Darth Vader/Anakin und Han Solo, bei dem nicht immer klar ist, ob er Luke oder sich selbst verpflichtet ist.

Wie universell ist die Heldenreise?

Woher weiß man aber, dass dieses Grundmuster universell ist? Durch den Vergleich der Sagen und Legenden, die weltweit erzählt werden. Die vergleichende Mythologie hat herausgefunden, dass sich Verlauf und Personal dieser Geschichten sehr ähneln. Als Referenzwerk gilt hier Joseph Campbells The Hero with a Thousand Faces, das bereits 1949 erschien.

The Hero with a Thousand Faces (Joseph Campbell)

Mit Hilfe Freudscher Traumdeutung und C.G. Jungs Archetypenlehre extrahierte Campbell die Gemeinsamkeiten verschiedener Mythologien, darunter auch die Heldenreise. Auf Campbell beziehen sich bis heute viele Drehbuchschulen und Schreibseminare. Auf der TIME Magazine Liste der Top 100 All-Time-Non-Fiction-Books steht es auf Platz 46.

Lohnt sich die Lektüre von Campbells The Hero with a Thousand Faces? Lest selbst – bei Campbell klingt das oben skizzierte Modell so:

„Der Heros verläßt die Welt des gemeinen Tages und sucht einen Bereich übernatürlicher Wunder auf, besteht dort fabelartige Mächte und erringt einen entscheidenden Sieg, dann kehrt er mit der Kraft, seine Mitmenschen mit Segnungen zu versehen, von seiner geheimniserfüllten Fahrt zurück“ (Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, [1949] 2011 S. 36)

Die Frage ist natürlich immer, was man damit machen will. Für das Nachtkastl ist das  Buch meiner Einschätzung nach weder eingängig noch unterhaltsam genug. Auch die verwendeten Erklärungsmodelle aus der Psychoanalyse kommen heute reichlich antiquiert rüber. Ein Beispiel: „Die dauerhaftesten Anlagen der menschlichen Seele sind offenbar die, die sich von der Tatsache herleiten, daß wir von allen Tieren am längsten bei der Mutterbrust verweilen“ (S. 19).

Die Heldenreise – mein Lektüretipp

Buch-Cover Christopher Vogler, The Writer's Journey - Die HeldenreiseMeine Lieblingsressource zur Heldenreise ist Christopher Voglers The Writer’s Journey. Mythic Structure for Writers. Vogler begegnete Campbells Werk erstmals auf der Filmschule und fand darin Antworten auf all seine Storytelling-Fragen: Warum gehen Menschen so gern ins Kino? Warum schauen sie Filme wie Star Wars und Close Encounters of the Third Kind wieder und wieder an? Was macht den quasi-religiösen Charakter eines Kinobesuchs aus? Welche alten Strukturen in uns werden hier angesprochen?

Später entwickelte er ein siebenseitiges Memo, das die Grundlagen der Heldenreise zusammenfasste. KollegInnen begannen ihn nach diesem Memo zu fragen und es selbst weiterzugeben. So machte Vogler schließlich ein Buch daraus.

The Writer’s Journey ist ein typischer Fall amerikanischer Sachbuch-Literatur: kurzweilig zu lesen, klar in der Sprache und sehr anwendungsorientiert. Den mythologischen Jargon Campbells hat Vogler durch alltagstaugliche Begriffe ersetzt. Am Beispiel von Star Wars dekliniert er die Archetypen und die Heldenreise durch, ergänzt durch Beispiele aus vielen anderen erfolgreichen Filmen.

Die Heldenreise – ein Mittel für alles?

Ein bisschen verhält es sich mit der Heldenreise und ihrer Anwendung wie mit der Henne und dem Ei. Lässt sich das Modell auf so viele Geschichten anwenden, weil es so gut funktioniert? Oder ist es deswegen so weit verbreitet, weil es überall gelehrt wird?

Richtig ist: Eine gewisse Überdrüssigkeit gegenüber der Formel lässt sich durchaus beobachten. Michael Köttritsch hat dies in einem Kommentar in der Presse („Der Chef, ein Märchenonkel“) pointiert formuliert:

Und so wird allerorten versucht, einen Protagonisten, das auslösende Dilemma, einen Veränderungswunsch, einen Antagonisten, den daraus resultierenden Konflikt und die Transformation samt Happy End in einen Spannungsbogen zu packen. Und schon ist die Story fertig. Der Chef zufrieden. Die Mitarbeiter beglückt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann…

Nicht jede Marke braucht die ganze Anstrengung einer Heldenreise. Gerade im Social-Media-Zeitalter kann es viel interessanter sein, prägnante Momente einer Geschichte nur anzureißen.

Wie man das angehen kann, erzähle ich euch im nächsten Blogpost. Stay tuned!

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