Aus dem Fernsehen direkt in den Nationalrat?

Aus dem Fernsehen direkt auf die Regierungsbank?Seit Sonntag ist sie also geschlagen, die zweite Nationalratswahl in den letzten zwei Jahren. Somit haben auch die gefühlt täglichen Konfrontationen zwischen SpitzenkandidatInnen im Fernsehen ein Ende. Wir haben uns angeschaut, was diese Fernsehauftritte für die Sichtbarkeit der KandidatInnen in Social Media bedeuten. Unsere Hypothese dazu: Ein TV-Auftritt erhöht auch die Sichtbarkeit in Social Media.

Im kleineren konnten wir das 2016 schon bestätigen. Damals haben wir im Zuge der Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung (Wort des Jahres 2016) festgestellt, dass es die meisten Meldungen über Van der Bellen und Hofer an Tagen mit TV-Duellen und dem Tag danach gab.

Regiert das Fernsehen die Wahlen?

Vor jeder Wahl stellt sich auch immer die Frage: Wer wird von welchen Fernsehsendern zu welchen Konfrontationen eingeladen, wer nicht und wie wird diese Auswahl begründet? Kleinparteien wie die KPÖ werden so gut wie nie eingeladen und argumentieren, dass ihnen dadurch ein unfairer Nachteil entsteht. Außerdem kritisiert die KPÖ, dass die Begründungen des ORF für ihre Auswahl von Wahl zu Wahl unterschiedlich und deshalb nicht nachvollziehbar sind.

Würde also die KPÖ die 4%-Hürde schaffen, wenn sie nur an TV-Diskussionen teilnehmen dürfte? Eine Antwort auf diese Frage haben wir nicht, doch das Politbarometer kann uns sagen, wie die Parteien und vor allem ihre SpitzenkandidatInnen von einem TV-Auftritt profitieren. So sehen wir auch, ob und wie sehr die KPÖ und andere Kleinparteien wirklich darunter leiden, nie oder nur sehr selten ins Fernsehen eingeladen zu werden. Oder, wie der Standard sagt: Je mehr TV, desto besser?

Die Zahlen im Detail

Für unsere Analyse haben wir alle Social Media-Nennungen der SpitzenkandidatInnen im Zeitraum von Anfang September bis nach der letzten wahlkampfspezifischen Fernsehsendung (27.09.2019) herangezogen und miteinander verglichen.

Nennungen Sebastian Kurz über den Zeitraum 01.09.2019-27.09.2019. Ein Balken ist ein Tag.

Nennungen Sebastian Kurz über den Zeitraum 01.09.2019-27.09.2019. Ein Balken ist ein Tag, an dunklen Tagen fand ein TV-Auftritt statt, an hellen Tagen nicht.

Wir beginnen mit dem Schweigekanzler. Sebastian Kurz hat sowieso immer klar die meisten Nennungen, trotzdem profitiert er klar von den TV-Auftritten. In konkreten Zahlen bedeutet das: durchschnittlich hat Kurz an Tagen von TV-Auftritten und am Tag danach um 43% mehr Nennungen in Social Media als an Tagen ohne. Das klingt erstmal nach einem bedeutenden Unterschied und genau das ist es auch. Aber: bei anderen Personen ist dieser Unterschied noch größer!

Die größten GewinnerInnen

Nennungen Pamela Rendi-Wagner über den Zeitraum 01.09.2019-27.09.2019. Ein Balken ist ein Tag.

Nennungen Pamela Rendi-Wagner über den Zeitraum 01.09.2019-27.09.2019. Ein Balken ist ein Tag, an dunklen Tagen fand ein TV-Auftritt statt, an hellen Tagen nicht.

Sowohl die SPÖ als auch die Liste JETZT fuhren bei der Wahl sehr bescheidene Ergebnisse ein. Beide profitierten allerdings im Wahlkampf überdurchschnittlich von ihren Fernsehauftritten. Rendi-Wagner hatte

Nennungen Peter Pilz über den Zeitraum 01.09.2019-27.09.2019. Ein Balken ist ein Tag.

Nennungen Peter Pilz über den Zeitraum 01.09.2019-27.09.2019. Ein Balken ist ein Tag, an dunklen Tagen fand ein TV-Auftritt statt, an hellen Tagen nicht.

während und kurz nach ihren TV-Auftritten um 147% mehr Social Media-Nennungen als sonst. Ihre Sichtbarkeit hat also ganz klar von den vielen TV-Konfrontationen und Duellen profitiert.

Sehr ähnlich sah es bei Peter Pilz aus, der es zwar nicht mehr in den Nationalrat schafft, aber auch sehr stark von den Fernsehauftritten im Wahlkampf profitiert hat. Auch er hatte dadurch um 142% mehr Nennungen als an Tagen ohne TV-Sendung.

Und das Mittelfeld

Im Gegensatz dazu scheinen Werner Kogler, Beate Meinl-Reisinger und Norbert Hofer die Sendungen teilweise sogar weniger gebracht zu haben als Sebastian Kurz. Sie haben jeweils um 48% (Kogler), 41% (Meinl-Reisinger) und 22% (Hofer) mehr Nennungen als sonst.

Was uns übrigens auch auffällt: die Nennungen der Listen-Zweiten Person einer Partei leiden unter dem Ferseh-Auftritt ihres Listen-Ersten. So hatte zum Beispiel Elisabeth Köstinger (ÖVP) im beobachteten Zeitraum durchschnittlich 50 Nennungen pro Tag ohne TV-Auftritt von Sebastian Kurz. An Tagen, an denen Kurz im Fernsehen war, rutschte Köstingers Durchschnitt auf 18,6 Nennungen pro Tag.

Insgesamt zeigt sich aber ganz klar: TV-Auftritt ist wesentlich besser für die Social Media Präsenz als kein TV-Auftritt.

Durchschnittliche Anzahl der Mehrnennungen nach TV-Auftritt in % als Balkendiagramm.

Spezialfall Norbert Hofer

Nennungen Norbert Hofer über den Zeitraum 01.09.2019-27.09.2019, ein Balken ist ein Tag.

Nennungen Norbert Hofer über den Zeitraum 01.09.2019-27.09.2019. Ein Balken ist ein Tag, an dunklen Tagen fand ein TV-Auftritt statt, an hellen Tagen nicht.

Wenn wir uns Norbert Hofers Zahlen genauer ansehen, stellen wir schnell fest, warum er weniger als alle anderen von seinen Auftritten zu profitieren scheint. Im beobachteten Zeitraum fanden nicht nur sehr viele Fernsehevents statt, sondern am 14. September hielt die FPÖ auch ihren Parteitag ab. Um diesen Tag erzielte Hofer die meisten Nennungen über den gesamten analysierten Zeitraum. Sieht man diese Tage also als statistische Ausreißer und rechnet sie daher raus, kommt man zu dem Ergebnis, dass auch Hofer um 48% mehr Nennungen durch TV-Auftritte im Gegensatz zu seinem normalen Durchschnitt hatte.

 

 

Die Zukunft der Kleinparteien

Unsere Hypothese konnten wir also bestätigen: Ein Fernseh-Auftritt wirkt sich deutlich sichtbar und positiv auf die Sichtbarbeit der Person in Social Media aus. Die KPÖ scheint sich also vollkommen zurecht aufzuregen, denn sie und andere Kleinparteien leiden darunter, nur in sehr wenige Fernsehsendungen eingeladen zu werden.

Bist du jetzt neugierig geworden und möchtest mehr wissen? Dann schau dir doch den Politbarometer genauer an und schreibe unseren ExpertInnen an office@datenwerk.at.

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Julia Kauer

Julia Kauer

Julia kennt sich dank ihres Politikwissenschaft-Studiums bestens mit internationalen Beziehungen aus. Als Spezialistin für politische Kampagnen schreibt sie im Blog den monatlichen Artikel über den Politbarometer.

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