Sinus-Milieus und Habitus auf Twitter (Masterarbeit von Gerin Trautenberger)

“Who do you think you are?”, fragte Gerin Trautenberger in seiner Masterarbeit. Für seine Abschlussarbeit im Bereich der Social Media-Forschung hat er die Twitter-Kommunikation österreichischen EU-Wahl-KandidatInnen für eine sozio-ökonomische Klassifikation unter die Lupe genommen. Wie die Daten des Opinion Tracker dabei geholfen haben, welche Methoden er verwendet hat und v.a. was er herausgefunden hat, erzählt er im folgenden Interview.

Gerin Trautenberger im Interview zu seiner Masterarbeit

datenwerk: In deiner Arbeit sprichst du über die Möglichkeit mikro-soziale Verhaltensweisen (micro-social behaviours) von Twitter-UserInnen zu untersuchen. Was genau versteht man darunter und welche Rolle hat dabei der Opinion Tracker gespielt?

Gerin Trautenberger: In meiner Masterarbeit habe ich eine Methodik für die sozio-ökonomische Klassifizierung durch Social Media entwickelt. Darin habe ich die österreichischen Twitter-Debatten bei der EU-Wahl 2019 mit den 15 wichtigsten KandidatInnen aller im österreichischen Parlament vertretenen Parteien untersucht. Dabei hat mir der Opinion Tracker geholfen, die Vielzahl empirischer Daten zu sammeln und zu durchleuchten, um alle Aktivitäten und Diskussionen der KandidatInnen in sozialen Netzwerken zu analysieren. Bei diesen Gesprächen handelt es sich um mikro-soziale Verhaltensweisen empirischer Individuen. Diese ermöglichen es, theoretische Individuen zu entwickeln und das Ganze dann auf größere Bevölkerungsgruppen zu abstrahieren. Ich habe das für sozio-ökonomische Klassifikationen in Anlehnung an Pierre Bourdieu genutzt.

Sozio-ökonomische Klassifikation

datenwerk: Für die Datenerhebung hast du Twitter-Unterhaltungen der SpitzenkandidatInnen für die österreichische EU Wahl 2019 untersucht. Was waren deine Ergebnisse?

Gerin Trautenberger: Alle 15 österreichischen EU-KandidatInnen, die ich untersucht habe, sind im gleichen sozialen Umfeld positioniert. Die KandidatInnen haben zwar unterschiedlichen soziale Ursprung, sind aber doch im gleichen soziale Umfeld aktiv. Das gilt für das gesamte politische Spektrum. So ist auch die Anti-Establishment-Erzählung der FPÖ nicht in verschiedenen sozialen Feldern verankert. Auch FPÖ-PolitikerInnen besitzen den gleichen Habitus wie die anderen KandidatInnen. Der Habitus beschreibt nach Bourdieu die jeweilige Lebensweise, den Geschmack und auch den Status in der Gesellschaft.

Mindap mit den untersuchten 15 KandidatInnen und anderen Kampagnen-Hashtags. Die Liste der KandidatInnen ist in der verlinkten Masterarbeit nachlesbar.

Mindmap mit KandidatInnen und Hashtags (S. 69 der Masterarbeit von Gerin Trautenberger)

datenwerk: Kann man also aus Twitter-Posts auf die soziale Schicht einer Person schließen?

Gerin Trautenberger: Man kann die soziale Klassifizierung nicht direkt von einzelne Twitter-Posts ableiten. Ein weiteres Datensammeln ist notwendig. Ich habe z.B. diese Daten mit den digitalen Sinus Milieus verknüpft. Damit konnte ich die einzelnen Informationen abstrahieren und auf eine größere Bevölkerungsgruppe übertragen. Durch Querverweise auf ethnografische Studien wie z.B. biografische Daten oder Stimmungsanalysen können dann spezifische Merkmale wie Habitus und sozialen Schichten bestimmt werden.

Neue Methode zur Social-Media-Analyse

datenwerk: Ein Ergebnis deiner Arbeit ist eine neue methodische Herangehensweise für das Auswerten von Social-Media Daten. Worin liegen ihre Vorteile und wie könnte man sie auf zukünftige Wahlen anwenden?

Gerin Trautenberger: Die neue Methode kombiniert die traditionelle Social Network Analysis (SNA) mit Querverweisen auf die digitale Sinus-Milieus-Studien. Dies liefert ein besseres Verständnis dafür, wie die empirischen Individuen ihre Social-Media-Kanäle nutzen. Und sie macht deutlich, warum bestimmte soziale Gruppen bestimmte Social-Media-Plattformen nutzen. Für künftige Wahlen kann der Opinion Tracker als Ausgangspunkt für die Erhebung und Analyse von empirischen Daten und zur gezielten Formulierung von politischen Botschaften für bestimmte Zielgruppen verwendet werden.

Masterarbeiten mit dem Opinion Tracker

Der Opinion Tracker war schon bei mehreren Masterarbeiten dabei, z.B. als es um Carsharing oder um EU-Institutionen gegangen ist. 

Die datenwerkerInnen stehen wissenschaftlichen Analysen mit den Opinion Tracker-Daten offen gegenüber. Wer also ein spannendes Abschlussthema sucht oder andere Fragen hat, schreibt am besten an office@datenwerk.at.

Schreib uns

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.