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Rally-round-the-Flag: die Zustimmung zur Regierung sinkt

Die „Rally-round-the-Flag“: die Zustimmung zur Regierung sinkt

Wird die neueste Umfrage von Unique Research im Auftrag der Tageszeitung HEUTE herangezogen, kann wohl endgültig davon ausgegangen werden, dass die „Rally-round-the-Flag“ zu Gunsten der Regierung vorbei ist, ihre Zustimmung sinkt und die Richtung für Rendi-Wagner wohl doch stimmt.

In diesem Beitrag zeigen wir, was das bedeutet, was unser Politbarometer dazu sagt und ob wir es nicht schon kommen gesehen haben. Aber von Beginn an …

Die „Rally-round-the-Flag“

In Krisenzeiten, so die Theorie, schlägt die „Stunde der Exekutive“ bzw. tritt ein „Rally-round-the-Flag“-Effekt ein (vgl. Baker und Oneal 2001). Vereinfacht gesagt, erfährt die Regierung in Krisenzeiten große Zustimmung. In Österreich konnte dies vor allem im März 2020 beobachtet werden, als die Corona-Pandemie um sich griff und der erste harte Lockdown beschlossen wurde. Vor allem die Kanzler-Partei ÖVP konnte davon profitieren und erreichte in Umfragen bis zu 49 % Zustimmung. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) fiel in dieser Zeit 77 % der befragten 500  Personen positiv, gegenüber 10 % negativ auf. Bei Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) lag das Verhältnis im März 2020 bei 59 % positiv zu 7 % negativ, bei Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) hingegen 26 % positiv zu 27 % negativ (siehe ebenfalls Umfrage von Unique Research).

Was sagt aber unser Politbarometer dazu (1)?

Eine Abfrage in unserem Politbarometer für die ersten beiden Pandemie-Monate März und April, die es zudem erlaubt, eine semantische Analyse der beobachteten Beiträge durchzuführen, verrät folgendes. Erstens, sind es bei allen drei Abfragen überwiegend neutrale Beiträge. Zweitens, wird über Sebastian Kurz in diesem Zeitraum sehr viel häufiger geschrieben als über Rudi Anschober und Pamela Rendi-Wagner. Und drittens, wird am 15. März bei Bundeskanzler Kurz der höchste Wert verzeichnet – somit am Tag vor Inkrafttreten des ersten Lockdowns.

Abfrage Politbarometer
Abfrage Politbarometer Sebastian Kurz, Rudi Anschober und Pamela Rendi Wagner (März/April 2020) nach semantischer Analyse.

Werden die relativen Häufigkeiten dieser drei Abfragen herangezogen und hier nur jener Anteil der negativen Nennungen betrachtet, zeigt sich folgendes Bild: Zwischen 1. März und 30. April 2020 sind 18,3 % der Beiträge von Sebastian Kurz, 18,5 % von Rudi Anschober und 19,4 % von Pamela Rendi-Wagner negativ bewertet. Interessant ist jedoch, dass über Sebastian Kurz am seltensten positiv geschrieben wurde – nur in 5,8 % gegenüber 8,4 % bei Rudi Anschober und 7,1 % bei Pamela Rendi-Wagner.

Nach dieser ersten „Bestandsaufnahme“, sehen wir uns das kleine Polit-Beben von Anfang Jänner 2021 an.

Ist die Rally vorbei, oder: Stimmt die Richtung doch?

Vor einigen Tagen dann ein kleines Polit-Beben: Pamela Rendi-Wagner ist in den ersten Jänner Wochen positiver aufgefallen, als Bundeskanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudi Anschober. Konkret ist sie von den 500 befragten Personen 36 % positiv, weiteren 29 % negativ aufgefallen. Bei Bundeskanzler Kurz sind es 35 % positiv gegenüber 45 % negativ, bei Gesundheitsminister Anschober 32 % positiv und 36 % negativ. Rendi-Wagner ist also positiver und vor allem sehr viel weniger häufig negativ aufgefallen, als Kanzler Kurz und auch Gesundheitsminister Anschober. Die „Rally-round-the-Flag“ zu Gunsten der Regierung scheint vorbei zu sein, die Zustimmung sinkt und für Rendi-Wagner (über die wir übrigens bereits geschrieben haben) heißt es wohl, die Richtung stimmt doch!

Was sagt aber unser Politbarometer dazu (2)?

Um nun zu sehen, ob die Rally für Sebastian Kurz und Rudi Anschober tatsächlich vorbei ist und die Richtung für Pamela Rendi-Wagner doch stimmt, sehen wir uns die drei Abfragen für den Vergleichszeitraum Dezember 2020 und Jänner 2021 an.

Abfrage Politbarometer
Abfrage Politbarometer Sebastian Kurz, Rudi Anschober und Pamela Rendi Wagner (Dezember 2020/Jänner 2021) nach semantischer Analyse.

Auf den ersten Blick fällt dabei auf, dass, obwohl noch immer sehr viel häufiger über Sebastian Kurz geschrieben wird, Rudi Anschober gegenüber März/April 2020 sehr viel öfter Erwähnung findet. Waren es im Frühjahr 2020 noch 25.977 Nennungen, sind es im Dezember 2020 und Jänner 2021 39.703. Zum Vergleich, waren es bei Kurz im Frühjahr 93.981 und im Dezember/Jänner 72.487. Bei Rendi-Wagner ist der Wert, wie bei Anschober, etwas gestiegen: von 13.363 auf 14.254.

Nun aber zum wirklich interessanten Teil! Waren im Frühjahr noch 18,3 % bzw. 18,5 % der Beiträge von Sebastian Kurz und Rudi Anschober negativ, sind es jetzt 23,1 % bzw. 22,3 %. Über beide wird also sehr viel häufiger negativ geschrieben, als noch im März und April 2020 und somit zu Beginn der Pandemie. Die Zustimmung gegenüber der Regierung ist gesunken bzw. wurde die Kritik mehr. Interessant ist auch, dass sich bei Pamela Rendi-Wagner der Wert der negativen Beitrage ebenfalls erhöhte: von 19,4 % auf 22,3 %. Ob die Richtung also tatsächlich stimmt, können wir noch nicht sagen, bleiben aber natürlich dran.

Kristallkugel? Nein, Politbarometer!

Eine wichtige Frage ist noch offen: konnten wir mit Hilfe des Politbarometers schon vor allen anderen sehen, dass die Rally vorbei bzw. die Zustimmung gesunken ist? Die einfache und doch mit Stolz befangene Antwort: Ja! Bereits seit August 2020 beobachten wir deutlich höhere negative Werte bei Sebastian Kurz und Rudi Anschober von konstant über 22 %. Somit zu einem Zeitpunkt, an dem die ÖVP laut Unique Research wieder auf dem vor-Corona-Umfragewert von 39 % kam.

Möchtest auch du schneller wissen, was los ist? Hast du Fragen oder möchtest du deine eigenen statistischen Untersuchungen mit dem Politbarometer oder dem dahinterstehenden Opinion Tracker durchführen? Unsere Expertinnen und Experten helfen dir gerne weiter unter office@datenwerk.at!

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Quellen/Literatur:

Baker, William D. und Oneal, John R., Patriotism or Opinion Leadership? The Nature and Origins of the „Rally ‚Round the Flag“ Effect, The Journal of Conflict Resolution, 45/5, 2001.

 

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