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Barrierefreiheit – Topthema beim ISA 2021

Das Topthema des Internet Summit Austria (=ISA) 2021 der ISPA war heuer Barrierefreiheit in digitalen Räumen. Die Covid-19-Lockdowns zeigten, wie wichtig soziale Verbundenheit ist, insbesondere die digitale Verbundenheit. Daher ist es ein Anliegen der ISPA, für einen barrierefreien Zugang in digitalen Räumen, also für Accessibility, zu sorgen. Bei der ISA 2021 wurde mit Expert:innen darüber diskutiert, wie eine digitale Teilhabe am besten gestaltet werden kann. Man sprach über die Vorteile und worauf man bei Accessibility achten sollte.

Barrierefreiheit – für wen und warum?

Auf dem Podium v.l.n.r.: Fran Zeller, Shadi Abou-Zahra, Edvina Bešić, Victoria Purns, Wolfram Huber, Wolfgang Zagler
V.l.n.r.: Fran Zeller, Shadi Abou-Zahra, Edvina Bešić, Victoria Purns, Wolfram Huber, Wolfgang Zagler

Die einleitende Keynote hielt Shadi Abou-Zahra. Er arbeitet beim World Wide Web Consortium (W3C) als Spezialist für Accessibility Strategie und Technologie. Abou-Zahra brachte gleich am Anfang Beispiele, wer Accessibility im Web benötigt. Menschen mit einer Hörbehinderung sind auf Videos mit Transkription oder Untertiteln angewiesen. Bei Lernschwäche und kognitiver Behinderung braucht es eine inklusive Gestaltung des Webs. Personen, die keine Maus und Tastatur benützen können, brauchen eine Spracheingabe. Bei Tunnelblick und Rot-Grün-Sehschwäche ist es wichtig, ein passendes barrierefreies Webdesign zu haben. Es gibt noch weitere Behinderungen, die bei barrierefreien digitalen Räumen mitbedacht werden müssen. Diese Personen machen am Ende 15 bis 20% der Nutzer:innen aus. Was eigentlich schon mal viel ist. Denn das heißt, 15-20% mehr Nutzer:innen spricht barrierefreie Gestaltung an. Am Ende sind es dann sogar noch mehr Personen. Denn die erwähnten 15-20% brauchen Accessibility, aber 1/3 der Personen profitieren davon.

Barrierefreiheit im digitalen Unterricht

HS-Prof.in Edvina Bešić, PhD ist seit 2021 Hochschulprofessorin für Inklusionsforschung und Inklusive Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Steiermark. Ihre Forschungstätigkeiten beziehen sich auf inklusionspädagogische Inhalte. Sie führte eine Studie zum inklusiven Unterricht während des Coronajahres durch. Diese ergab, dass eine inklusive Gestaltung anfänglich eine große Herausforderung war. Lehrpersonen waren aber sehr engagiert, den digitalen Unterricht so barrierearm wie möglich zu gestalten. Im Laufe des Jahres hat sich die Situation durch vermehrte Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten, dem Lehrpersonal und Expert:innen sichtlich verbessert. Ein großes Problem ist, dass inklusiver Unterricht oft mit mehr Aufwand verbunden wird. Am Ende profitieren aber alle davon. Bešić meint, ein wichtiges Ziel wäre, universelle Designs zu gestalten. So müsste kein Kind mit Behinderung mehr eigene Geräte verwenden. Universelle Designs bringen wahre Inklusion.

Barrierefreiheit als Menschenrecht

Der Mehrwert von Accessibility ist mehr Inklusion, Diversität und Verantwortung. Es ist ein Menschenrecht, Zugang zu Informationen zu erhalten. Daher gibt es eine EU-Richtlinie zum barrierefreien Zugang einer Website. Dabei geht es um die Erstellung, Tools und Inhalte von Websites und mobilen öffentlichen Stellen. Diese ist seit 2019 Teil der österreichischen Gesetzgebung. Sie schreibt unter anderem das Monitoring der Accessibility von Websites vor.

Mag.a (FH) Victoria Purns arbeitet seit 2019 bei der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft mbH (FFG) und leitet dort genau jene Monitoring- und Servicestelle des Bundes. Es gibt dort auch eine Servicestelle, die als Anlaufstelle bei Barrieren dient. Dies ist ein gutes Angebot, aber nach Abou-Zahra nicht ausreichend. Nutzer:innen legen nämlich selten Beschwerde ein. Sie verlassen einfach eine Website, wenn sie auf Barrieren stoßen. Daher ist es wichtig, Websites von Accessibility-Expert:innen erstellen zu lassen. Dabei sollte nicht nur auf die EU-Richtlinie geachtet werden. Es sollte von vorne herein die bestmögliche, barrierefreie Umsetzung gewählt werden. Spätesten nächstes Jahr wird der neue European Accessibility Act in die nationale Gesetzgebung aufgenommen. Dieser geht tiefer in die Materie hinein, als die bisherige Richtlinie. So geht es neben Websites und mobilen öffentlichen Stellen auch um Produkte und Dienstleistungen privater Anbieter.

Wie wird (m)eine Website auf Barrierefreiheit überprüft?

Wolfram Huber beschäftigt sich mit Accessibility und CMS-Systeme. Er kennt die Zugänglichkeitsrichtlinie der EU und weiß genau wie man Websites danach überprüft: Zuerst wird definiert, was getesten werden soll. Dann schaut man sich die Inhalte genauer an. Dabei kristallisieren sich die Seiten heraus, die genauer überprüft werden sollen. Das passiert im nächsten Schritt. Dort überprüft man die Seiten Schritt für Schritt nach der Richtlinie. Wer möchte, kann seine eigene Website einmal mit einem VoiceOver selbst überprüfen. Wenn du ein iPhone nutzt, sag dafür zum Beispiel einfach „Siri mach ein VoiceOver“. Falls du nachlesen möchtest, wie du Texte auf deiner Website barrierefrei machen kannst, oder andere Tipps zur Barrierefreiheit erhalten möchtest, dann schau in unseren Blog!

Man spricht mit einer barrierefreien Website nicht nur mehr Kund:innen an. Huber nennt auch noch andere Vorteile. So tut es dem Image eines Unternehmens gut. Und die Website ist durch das saubere Programmieren, welches Barrierefreiheit mit sich bringt, auch noch nachhaltig. Es gibt auch ein eigenes österreichische Zertifikat für Barrierefreiheit das WACA (Web Accessibility Certificate Austria).

Barrierefreie Websites reichen nicht aus…

Ja genau richtig. Denn nach Ao Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Wolfgang Zagler braucht es auch mehr Förderung im Bereich assistierender Technologien. So können sich Provider:innen und Benutzer:innen in der Mitte treffen. Man muss immer die gesamte Wirkungskette im Auge behalten. Zagler zählt als ehemaliger Leiter des Zentrums für Angewandte Assistierende Technologien der TU Wien zu den österr. Pionieren bei der Erforschung assistierender Technologien. Sein Wissen bringt er im AK der OCG „Barrierefreiheit durch IKT“, bei AAL Austria, sowie als Vorsitzender der AG „Blindenhilfsmittel“ des ASI und des SC4 des ISO/TC173 ein. Praktischen Anwendungen sind Zagler ein großes Anliegen. Nicht verwunderlich, dass er aktuell an der Entwicklung des Tetragon beteiligt ist. Der Tetragon ist ein Braille-Ring, der versucht digitale Texte in die Blindenschrift umzuwandeln und so lesbar zu machen. Der Ring ist noch in der Entwicklung.

Es gibt Förderungsgeld vom Staat und der EU für Forschungen zu assistierenden Technologien. Zagler bemängelt aber, dass es auch ein Monitoring über den Fortschritt der Projekte geben müsse. Nur so könne man schauen, ob das Projekt noch weiter Förderung benötigen würde. Viele Projekte werden nämlich einmal gefördert und danach einfach auf Eis gelegt, da sie nicht abgeschlossen werden konnte.

Auch warnt Zagler vor den Gefahren assistierender Technologien. So ist die Alphabetisierung blinder Menschen in letzten 30 Jahren in den USA von 50% auf 10%  zurückgegangen. Wegen der Sprachausgabe und -eingabe war es für viele nicht mehr notwendig, lesen und schreiben zu lernen. Auch war der Zugang zu diesem gratis Tool einfacher als zu teuren Lese- und Schreibgeräten für Blinde. Die Folge lässt sich am Arbeitsmarkt spüren. Viele finden jetzt keinen Job. So können assistierende Technologien am Ziel vorbei schießen und für Stigmatisierung und Desintegration sorgen. Bešić weist dabei aber daraufhin, dass Schulen einen klaren Auftrag haben. Man müsse darauf achten, dass man dies mit barrierefreien Technologien in Einklang bringe.

Barrierefrei in die Zukunft?

Barrierefreiheit wird immer mehr zum Thema. Und wie die ISA 2021 gezeigt hat, gibt es schon Vieles, was gemacht wurde. Die EU-Richtlinien, Förderungen und Expert:innen tragen viel dazu bei, digitale Räume universell zugänglich zu machen. Trotzdem ist noch immer Luft nach oben und viel muss noch überdacht werden. So gab es auch eine kleine Denkaufgabe am Ende von Zagler: Es gibt verschiedene Arten, in der deutschen Sprache zu gendern. In der Braille-Schrift gibt es aber z.B. mitten im Wort keinen Großbuchstaben. Was wäre die beste Form um Barrierefreiheit und Gendern unter einen Hut zu bringen?

Wenn du auch deine Website auf Barrierefreiheit überprüfen und optimieren willst meld dich bei unseren Expertinnen office@datenwerk.at.

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