Organize: Kampagnen-Tipps von Pelosi

US-Politik-affine LeserInnen werden den Namen kennen: Autorin und Kampagnen-Strategin Christine Pelosi ist die Tochter von Nancy Pelosi, der langjährigen Sprecherin des amerikanischen RepräsentantInnenhauses. Christine Pelosi ist nicht nur eine der einflussreichen Kampagnen-StrategInnen in den USA, sondern auch eine der Superdelegierten der Demokratischen Partei. Diese Delegierten sind bei parteiinternen Abstimmungen mitentscheidungsberechtigt, ohne gewählt zu werden: Also höchstes Level des Partei-Establishments.

Trotz ihres hohen Amts und ihrer Verankerung in der Spitzenetage der Partei hat Christine Pelosi ein Buch geschrieben, das eine explizite Anleitung zum „grassroots campaigning“ sein soll. Mit der Technik, „Politik von unten“, verdient die Autorin seit 20 Jahren ihren Lebensunterhalt. Interessantes Detail am Rande: Pelosi sieht politische Kampagnen in einer sich rasant wandelnden öffentlichen Landschaft wie StartUp-Unternehmen, die ständig neue Märkte suchen und für zielgruppengerechte Werbung möglichst alle verfügbaren Informationen über ihr Klientel sammeln müssen. Das Buch „Campaign Boot Camp 2.0“ hat es dementsprechend auch im kommerziellen Segment zum Verkaufserfolg geschafft. In diesem Blogbeitrag werden ganz gezielt die für das Online Campaigning relevanten Informationen zusammengefasst.

Politikverdrossenheit

Partei-Bindungen gehen zurück, politisches Engagement konzentriert sich immer mehr auf den Einsatz für einzelne Themen. Viele Menschen haben das Vertrauen in die Institutionen auf überregionaler Ebene verloren – gleichzeitig sind sie aber stolz auf die Einrichtungen und Traditionen in ihrem unmittelbaren Umfeld. Das Internet und seine interaktiven Möglichkeiten machen die bisher nicht greifbaren Institutionen wieder zugänglich. Wer Menschen diese Wege zum Mitmachen öffnet und ihnen Einblick in die Abläufe ermöglicht, hat eine Chance, sie zu motivieren und als UnterstützerInnen zu gewinnen.

Netzpräsenz

50% aller AmerikanerInnen sind regelmäßig online, zwei Drittel davon sind aktive NutzerInnen von Social Media (Zahlen aus dem Buch von 2012). Empfehlungen und Aufrufe zum Mitmachen von Menschen, die man persönlich kennt, sind wesentlich effektiver, als von anonymen Organisationen und Einrichtungen. Die von UserInnen im Rahmen privater Aktivitäten in Social Media zur Verfügung gestellten Daten geben auch Aufschluss darüber, zu welcher Zeit gute Öffentlichkeitsarbeit in Online-Medien am meisten Publikum erreicht. Anhand der von potenziellen WählerInnen angegebenen Präferenzen (von der Lieblings-Musikgruppe bis zu besuchten Veranstaltungen) lässt sich etwa herausfinden, auf welchen Veranstaltungen Werbung für das eigene Produkt oder die eigene Kampagne effektiv und ohne großen Streuverlust möglich ist. Der direkte, unkomplizierte Kontakt über Facebook, Twitter oder LinkedIn ist wesentlich weniger aufwändig, als das Abklappern tausender Haushalte zu Fuß. Notabene: Das Social Web ersetzt die persönliche Kontaktaufnahme im „echten“ Leben nicht. Aber es ist eine wichtige Ergänzung, die das Auffinden und Kontaktieren möglicher Zielgruppen massiv erleichtert.

Freiwillige

Warum unterstützen Freiwillige Kampagnen? Aus sozialen Gründen – weil sie FreundInnen und Bekannte mitnehmen und motivieren. Um einem bestimmten Anliegen zum Durchbruch zu verhelfen. Weil sie Menschen kennen, die von einem gesellschaftlichen Missstand betroffen sind, den die Kampagne verspricht, zu beseitigen. Um Anerkennung in ihrem Umfeld zu bekommen. Um Teil etwas Größeres zu sein. Freiwillige von vor Ort sind für die zahlungskräftigste Kampagne, die TV und Radio großflächig bespielen kann, notwendig. Lokale Themen und Problemlagen zu kennen, ist für den Einstieg in direkte Kommunikation mit potenziellen UnterstützerInnen notwendig.

Lokal zählt

Die Gegebenheiten vor Ort zu kennen, ist für jede Kampagne notwendig. In Pelosis Buch ist gute Kenntnis von Lokalkolorit von Vorteil, die für mitteleuropäische Verhältnisse absurd wirkt: Der Tabellenstand des lokalen Nachwuchs-Sportteams oder die Gebetszeiten der lokalen Religionsgemeinschaften sind ebenso notwendiges Know-How bei der Kontaktaufnahme wie Kenntnis der lokalen Traditionen und wichtiger Figuren und „fairy tales“ aus der Region. Auch für die vorbereitenden Recherchen für diese Briefings bieten sich Social Media an: Worüber berichten lokale Medien und wie reagiert die Community darauf? Spielen Social Media eine Rolle im regionalen Diskurs und wer sind die Opinion Leader? Gibt es vor Ort im Netz präsente Interessensvertretungen, die für politische Allianzen zu gewinnen wären? Das Internet ist nicht nur ein Almanach für Vergangenes, sondern auch ein Medium, das aktuelle Debatten transparent macht und Einblick in noch vor 20 Jahren abgeschlossene Strukturen gibt. Das gilt es für erfolgreiche politische und kommerzielle Unternehmungen zu nutzen.

datenwerk bloggt im Wahljahr 2013 verstärkt über Methoden des politischen „Campaignings“. Hier geht es zu einigen Grundregeln der erfolgreichen Kampagnenführung, gelernt von Obama-Organizer Thomas Gensemer.

In vier Beiträgen hat datenwerk die brandaktuelle Studie „Twitter-Tsunamis“ der Europa-Universität Frankfurt und der Agentur „xaidialoge“ unter die Lupe genommen. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.